Was ist ADHS?

Was ist eigentlich ADHS?
Ursachen
Wie äußert sich ADHS?
Begleiterkrankungen/ verwandte Erkrankungen

Was ist eigentlich ADHS?


Die Aufmerksamkeits-Defizit-/ Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ist eine Lern- und Verhaltensstörung. Man geht davon aus, dass 2,4 % bis 6 % der Kinder in Deutschland betroffen sind. Die Zahlen zum Auftreten von ADHS sind weltweit ähnlich. Bei bis zu zwei Dritteln der als Kinder betroffenen Patienten (49-66 %) bleibt die Erkrankung zumindest in Teilen im Erwachsenenalter weiter bestehen.
 
Die Aufmerksamkeits-Defizit-/ Hyperaktivitäts-Störung kommt in drei Ausprägungen vor. Unter der Abkürzung ADHS werden heute meistens, wie auch auf dieser Webseite, alle Typen zusammengefasst. Kinder mit dem vorwiegend hyperaktiven-impulsiven Typ scheinen ständig „auf dem Sprung” zu sein: Rennend, kletternd, zappelnd und störend. Kinder mit der überwiegenden Aufmerksamkeitsstörung, die auch ADS abgekürzt wird, träumen ständig vor sich hin, erscheinen vergesslich und abwesend. Kinder mit dem kombinierten Typ sind sowohl sehr aktiv als auch verträumt oder abwesend.
 
Während alle Kinder sich von Zeit zu Zeit so verhalten, verhält sich ein Kind mit ADHS die meiste Zeit so. Dies kann negative Auswirkungen auf alle Lebensbereiche der Betroffenen haben und belastet meist auch die Personen im Umfeld enorm.
 
 

Die Ursache von ADHS ist bisher unbekannt. Man nimmt man an, dass mehrere Faktoren bei der Entstehung zusammenspielen.
 
Genetische Ursachen
Experten gehen heutzutage davon aus, dass ein großer Anteil des Krankheitsbildes ADHS genetische Wurzeln hat (70-95 %) – also in der Familie vererbt werden kann. Dieser Verdacht wurde anhand der Nachverfolgung von Familienlinien als auch durch Untersuchungen bei Zwillingen gefestigt. Um die genauen Zusammenhänge aufzudecken, wird auf diesem Gebiet allerdings noch intensiv weitergeforscht.
 
Umweltfaktoren
Es gibt auch Hinweise darauf, dass ADHS durch Außenfaktoren entstehen oder beeinflusst werden kann. So wurde in Studien ein Zusammenhang zwischen mütterlichem Rauchen und eventuell Alkohol während der Schwangerschaft sowie der Entwicklung von ADHS bzw. der stärkeren Ausprägung der Erkrankung festgestellt. Ob die Symptome von ADHS tatsächlich durch solche Faktoren ausgelöst oder verstärkt werden können, wird zurzeit in Studien weiter erforscht.
 
Durch die ungeklärten Hintergründe sind neben vielen wissenschaftlichen Theorien auch viele unhaltbare Vermutungen über die Ursachen von ADHS aufgestellt worden. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Abschnitt Mythen über ADHS.
 
 

Man verbindet drei Haupt- oder Kernsymptome mit ADHS: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Ein Kind mit ADHS kann hauptsächlich unaufmerksam oder hyperaktiv und impulsiv sein – oder es kann eine Mischung beider Hauptlinien aufweisen.
 
ADHS – ADS: Eine Störung – unterschiedliche Ausprägungen
Bestimmt haben Sie schon einmal die Unterscheidung ADHS und ADS gehört. Dieser Unterschied kommt dadurch zustande, dass ADHS mit und ohne Hyperaktivität auftreten kann.
 
Kinder mit ADHS, also mit Hyperaktivität sind der klassische „Zappelphilipp“: Sie fallen durch ihre körperliche Unruhe auf.
 
Kinder mit ADS, also ohne Hyperaktivität, sind die so genannten „Träumerchen“: Sie scheinen oft „mit den Gedanken woanders“, trödelig und vergesslich.

Beispiele für Verhaltensweisen
Die Kernsymptome zeigen sich in sehr unterschiedlichem Verhalten. Im Folgenden haben wir Beispiele von Verhaltensweisen aufgelistet, die bezeichnend für die Kernsymptome sein können.
 
Unaufmerksamkeit
  1. Flüchtigkeitsfehler machen oder Details übersehen
  2. Unaufmerksam sein oder die Aufmerksamkeit nicht halten können 
  3. Auch bei direkter Ansprache scheinbar nicht zuhören
  4. Anweisungen nicht folgen oder die Hausaufgaben bzw. andere Pflichten nicht beenden
  5. Mühe haben, Aufgaben planvoll abzuwickeln
  6. Aufgaben vermeiden, die mentale Anstrengung oder andauernde Konzentration erfordern 
  7. Gegenstände wie Spielzeuge, Stifte, Hausaufgabenhefte oder Sportzeug wiederholt verlieren 
  8. Leicht abgelenkt werden von Dingen, die im Umfeld passieren
  9. Bei Alltagstätigkeiten häufig vergesslich sein
Hyperaktivität
  1. Zappeln und sich winden, während man sitzt oder steht
  2. Aufspringen und herumlaufen während sitzender Tätigkeiten
  3. Rennen oder herumklettern, egal wo man sich befindet
  4. Nicht in der Lage sein, leise zu spielen
  5. Getrieben wirken, umtriebig sein
  6. Übermäßig viel reden
Impulsivität
  1. Mit Antworten herausplatzen, bevor die Frage zu Ende gestellt worden ist
  2. Reihenfolgen ignorieren/ Nicht warten können, bis man an der Reihe ist
  3. Anderen ins Wort fallen oder gleichzeitig sprechen
Was ist „normal“, was deutet auf ADHS hin?
Da praktisch jedes Kind von Zeit zu Zeit für ADHS typische Verhaltensweisen aufweist, z.B. in bestimmten Entwicklungsphasen, wird die Diagnose ADHS nur gestellt, wenn
  • die Symptome in einem frühen Lebensabschnitt auftreten, gewöhnlich vor dem 7. Lebensjahr.
  • die Symptome über einen längeren Zeitraum als sechs Monate in einem nicht dem Entwicklungsstand entsprechenden Ausmaß auftreten.
  • die Symptome in zwei oder mehr verschiedenen Umgebungen festgestellt werden, zum Beispiel in der Schule und zu Hause.
  • das Verhalten des Kindes deutlich negative Auswirkungen hat.
  • Symptome nicht durch eine andere psychische Störung erklärbar sind.
Jugendliche mit ADHS
Mit zunehmendem Alter wandeln sich häufig die Symptome der ADHS. Vielfach geht die Hyperaktivität mit Beginn der Pubertät langsam zurück oder wandelt sich in eine unauffälligere Unruhe. Die fehlende Aufmerksamkeit wird hingegen meist stärker, was auch an den höheren Anforderungen und der vermehrt geforderten Selbstständigkeit in Schule oder Ausbildung liegen kann. Die Impulsivität der Jugendlichen kann sich in ernsteren Problemen, wie Schlägereien oder noch stärkerer sozialer Ausgrenzung, zeigen. Hinzu kommt auch häufig eine wachsende Selbsterkenntnis: Der Jugendliche weiß, dass er anders ist und leidet besonders stark unter seinen „Fehlern“ und Misserfolgen.

Diagnosekataloge
Bei ADHS gibt es zwei so genannte Diagnosekataloge, die Ihnen in diesem Zusammenhang evtl. begegnen werden: DSM-IV bzw. ICD-10.
 
Das ICD-10 (vom englischen „International Classification of Diseases“, also Internationale Klassifikation von Krankheiten, Revision 10) ist ein System, das auf internationaler Ebene von der Weltgesundheitsorganisation herausgegeben wird. Das ICD-10 bietet eine Diagnosehilfe für Ärzte, in dem es Kriterien für Erkrankungen aufführt. Außerdem dient es der Verschlüsselung der Diagnose – zum Beispiel finden Sie die Zahlenkombination aus der ICD-10 als Arbeitnehmer auf Ihrer Krankmeldung für die Krankenkasse. Deutsche Ärzte müssen ihre Diagnose nach dem ICD-10 verschlüsseln.
 
Außerdem gibt es zusätzlich das  „Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen“, kurz DSM. Es ist eine nationale Bewertungsskala, in der Kriterien für Ärzte festgelegt sind, die ihnen bei der Diagnose einer ADHS helfen.
 
Diese Skalen sind weder „Checklisten“ für ADHS, die man abhakt und dann ein Ergebnis erhält, noch sollen sie Ihr Kind in eine Schublade stecken. Die Kataloge dienen dem Arzt lediglich als Leitfaden für die Bewertung auftretender Symptome, die er als Experte feststellt und interpretiert.
 
 
Viele Kinder mit ADHS sind zusätzlich von weiteren Erkrankungen, z.B. einer Lese-Rechtschreibschwäche betroffen. Das Auftreten einer weiteren Erkrankung nennt man eine Begleiterkrankung oder auch Komorbidität. Für eine erfolgreiche Behandlung des Kindes ist es wichtig, dass diese Begleiterkrankungen ggf. diagnostiziert und beim Therapiekonzept gesondert berücksichtigt werden.


Nach Jensen PS, et al. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 2001;40(2):147-158

Abbildung: Auftreten von Komorbiditäten bei Kindern mit ADHS in der MTA-Studie. (Jensen, 2001)

Im Zusammenhang mit ADHS treten bei manchen Kindern folgende Erkrankungen auf:
 
Motorische Entwicklungsstörungen
Eine Verzögerung in der Entwicklung von Feinmotorik und Koordination.
 
Lese-Rechtschreib-Störungen (Legasthenie) oder Rechenstörung (Dyskalkulie)
Probleme beim Erlernen des Lesen und Schreibens oder im Umgang mit Zahlen.
 
Störungen des Sozialverhaltens
Andauerndes extremes, nicht angepasstes Verhalten, das nicht der Entwicklung entspricht, z.B. Wutausbrüche oder Regelübertretungen.
 
Angststörungen
Angstgefühle, ohne dass es einen „Auslöser“ dafür gibt, z.B. eine generelle Angst vor Fremden.
 
Depressive Störungen/ Bipolare Störungen
Empfinden von starken Gefühlen wie Trauer oder Verzweiflung über einen langen Zeitraum, ohne diese in irgendeiner Weise kontrollieren zu können. Kann auch als so genannte bipolare Störung abwechselnd mit Phasen voller Energie und Selbstüberschätzung auftreten.
 
Tics
Zuckungen oder Geräusche, die keinem Zweck dienen und immer wieder ausgeführt werden müssen.