Über ADHS reden                                     

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ADHS – ein schwieriges Thema

Miteinander reden, ist ein wichtiger Baustein jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Es gibt jedoch auch Themen, über die es schwer fällt, sich auszutauschen. Bei der Aufmerksamkeits-Defizit/ Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) und den Problemen, die sie in der Familie auslösen kann, ist dies wohl häufig der Fall.
 
Dennoch ist es wichtig, dass Sie als Familie über die Erkrankung reden: Schließlich ziehen Sie alle gemeinsam an einem Strang.


Die meisten Kinder wollen gerne „normal“ sein; so wie alle anderen Kinder. ADHS-Betroffene spüren oft schon vor einer Diagnose, dass sie anders sind.
 
Die Diagnose: Erleichterung oder Abwehr
Das Gefühl „anders zu sein“ durch eine medizinische Diagnose bestätigt zu bekommen, kann eine Erleichterung für Eltern und Kind sein: Es bietet eine Erklärung für das Verhalten und die auftretenden Probleme.
 
Manchmal ist die Gewissheit aber auch, besonders für ältere Kinder oder Jugendliche, schwierig: Die Diagnose wird als Feststellung gesehen, dass man „anders“ oder sogar „krank“ ist.
 
Der Experte erklärt
Wenn Ihr Arzt damit einverstanden ist, verläuft die Aufklärung über ADHS unter Umständen besser, wenn die Diagnose durch ihn – einen neutralen Dritten und Experten – mitgeteilt und erklärt wird.
 
Eltern als wichtiger Ansprechpartner
Trotzdem wird Ihr Kind weiteren Gesprächsbedarf haben und mit Ihnen über die Erkrankung reden wollen. Solche Gespräche müssen behutsam geführt werden.
  • Ort und Zeit sollten so gewählt sein, dass Sie ungestört und ohne Zeitdruck reden können
  • Wählen Sie eine unbelastete Situation: Ein vorhergehender Streit oder ein besonders stressiger Schultag sind keine gute Voraussetzung
Ältere Kinder, besonders Teenager in der Pubertät, wollen über bestimmte Themen nicht mehr mit ihren Eltern reden. Erzwungene Gespräche führen dann oft nicht zum gewollten Ergebnis. Wichtig ist hier, dass Ihr Kind einen anderen Gesprächspartner findet. Vielleicht gibt es einen Verwandten oder Bekannten, dem Sie und Ihr Kind vertrauen.
 
Ein anderer Weg ist auch, „neutrale“ Fakten oder Probleme mit anderen zu besprechen, während der Teenager sozusagen „zufällig“ dabei ist. So nimmt dieser die Informationen nebenbei mit auf, geht aber nicht in die typische Abwehrhaltung, da es ja „nicht um ihn geht“.
 
ADHS – zwischen Entschuldigung und Erklärung
Viele Verhaltensweisen Ihres Kindes sind auf seine ADHS zurückzuführen. Deshalb ist Aufklärung besonders wichtig: Je besser Sie Bescheid wissen, desto besser können Sie es Ihrem Kind erklären. Bei Ihrem Kind sollte jedoch nicht der Eindruck entstehen: „Das kann ich eh nicht, weil ich ADHS habe“.
  • Erklären Sie die Erkrankung.
  • Machen Sie Ihrem Kind auch seine Stärken klar.
  • Gehen Sie auf Befürchtungen und Ängste Ihres Kindes ein.
  • Betonen Sie, dass ADHS keine Ausrede sein sollte, sondern im Gegenteil zu mehr Engagement auffordert.
  • Weisen Sie auf die „Belohnungen“ (Freunde, Erfolg, Kreativität etc.) für die Anstrengungen hin.

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„Wie Katz’ und Hund“
Es ist ganz normal, dass sich Geschwister ab und zu streiten. Bei Familien, in denen ADHS- Betroffene leben, nimmt dies jedoch manchmal beunruhigende Ausmaße an: Die Rivalität zwischen Geschwistern kann eine zusätzliche Belastung für die Familie werden.
 
Rivalität zwischen den Geschwistern
Für die Geschwister von Kindern mit ADHS entsteht leicht der Eindruck, dass sich das Familienleben nur noch um das betroffene Kind dreht: Tagesablauf, Gespräche, Regeln – alles richtet sich nach ihm oder ihr.
 
Auf der anderen Seite ist auch für das Kind mit ADHS die Beziehung zum Bruder oder zur Schwester häufig schwierig: Das Geschwisterkind wird als das Musterbeispiel wahrgenommen und bekommt – in den Augen des Kindes – viel weniger Ärger.
 
Offen über ADHS reden
Um das Konfliktpotenzial zwischen den Geschwistern so klein wie möglich zu halten, ist es wichtig, dass Sie auch die Geschwister über ADHS aufklären.
  • Die Kinder müssen lernen, was ADHS ist, um die Krankheit akzeptieren zu können und das Verhalten des Geschwisterkindes vor diesem Hintergrund zu sehen.
  • Sie sind ein Vorbild für Ihre Kinder: Wenn Sie die Krankheit anerkennen und akzeptieren, wird es auch Ihren Kindern leichter fallen.
Konkurrenz vermeiden
  • Verbringen Sie mit jedem Kind regelmäßig alleine Zeit, z.B. eine feste Verabredung, wenn das andere Kind schon im Bett oder bei einer Aktivität ist.
  • Vermeiden Sie direkte Vergleiche, z.B. der Schulnoten oder sportlicher Leistungen. Dafür kann es auch sinnvoll sein, die Kinder schulisch und auch in Freizeitaktivitäten zu trennen.
  • Gemeinsam Hausaufgaben machen lenkt ab und fördert die Konkurrenzsituation: lieber getrennt arbeiten lassen.
  • Belohnen Sie eher die Bemühungen des Kindes als die Ergebnisse bei Aufgaben, z.B. bei einer Klassenarbeit.
Regeln aufstellen
  • Stellen Sie wenige, möglichst konkrete Grundregeln für den Umgang der Kinder miteinander auf: z.B. Spielzeuge des anderen dürfen nur mit Erlaubnis genommen werden.

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Wenn die Großeltern oder andere Verwandte sich in die Erziehung der Enkel einmischen, ist das häufig nicht gerne gesehen. Gerade bei dem Thema „ADHS“ sind solche Diskussionen oft sehr emotional.
 
Schlechte Eltern
Manchmal gehören auch Verwandte zu den Menschen, die glauben, das Verhalten eines Kindes mit ADHS sei doch „nur auf die Erziehung“ zurückzuführen. Gutgemeinte Ratschläge wie „Sei einfach strenger“ oder sonstige Zweifel an den Erziehungsmethoden sind verletzend – besonders aus dem eigenen Umfeld. Viele dieser Vorwürfe entstehen aus Unwissen.
 
Versuchen Sie deshalb, so gut wie möglich aufzuklären.
  • Stellen Sie Bücher über ADHS zur Verfügung. (siehe auch Literatur)
  • Hilfreich kann auch ein Gespräch mit dem Arzt sein, der als neutraler Experte eine hohe Glaubwürdigkeit besitzt.
  • Häufige Vorurteile und die Fakten dazu haben wir im Bereich Mythen gesammelt.
Viele Augen sehen mehr
Manchmal haben diese etwas weniger eingebundenen Personen aber auch einen besseren Blickwinkel auf die Geschehnisse – erkennen z.B. Problempunkte deutlicher. Deshalb ist es sinnvoll, ihre Sichtweise und Ratschläge genau zu überdenken und zu überlegen, ob in ihnen ein wahrer Kern steckt.
 
Hilfestellungen annehmen
Im täglichen Leben können Verwandte oder auch andere Bezugspersonen wichtige Ansprechpartner und eine große Hilfe sein. Scheuen Sie sich nicht, ihre Hilfe anzunehmen und auch darum zu bitten – z.B. als Entlastung das Kind mit ADHS für einige Zeit zu beaufsichtigen.
 
Die Bezugspersonen sollten dann aber:
  • die Symptomatik und besonders schwierige Situationen kennen.
  • Regeln, Abmachungen und Konsequenzen kennen und sie befürworten bzw. einhalten.
  • darauf achten, dass sie kein Kind bevorzugen oder einseitig loben und damit die Konkurrenz unter den Geschwistern verstärken.

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Wem soll man die Diagnose mitteilen? Diese Frage beschäftigt viele Eltern nach der Diagnose ADHS. Ideal wäre es, durch einen offenen Umgang mit der Störung Aufklärung, Akzeptanz und Verständnis zu erreichen. Die Realität sieht leider häufig anders aus.
 
Ablehnung und Vorwürfe
Viele Eltern haben Angst, dass sie auf Personen treffen, die den vielen Mythen über ADHS glauben schenken. Besonders bei einer medikamentösen Behandlung reagieren viele dieser Menschen mit Vorwürfen und Unverständnis. Oder das Kind wird nur noch unter dem Aspekt der Krankheit gesehen, nach dem Motto: „Der hat ADHS, der kann gar nicht anders“. Eventuell macht man es dem Kind und sich selbst damit noch schwerer.
 
Nur wer es weiß, kann darauf eingehen
Auf der anderen Seite können nur Personen, die über die Krankheit aufgeklärt sind, richtig auf das Kind eingehen. Sie kennen den Sinn von besonderen Regeln und Maßnahmen für das Kind und wissen, warum es wichtig ist, diese einzuhalten.
 
Sprechen oder schweigen
Es gibt keine einfache Lösung für das Problem, ob man lieber offen mit der Diagnose umgehen oder sie manchmal für sich behalten sollte. Ein wichtiger Faktor sollte dabei auch die Einstellung des Kindes sein: Will es lieber, dass Sie die Diagnose offen handhaben oder nicht? Außerdem können folgende Fragen bei der Entscheidung helfen:
  • Wie viel Zeit verbringt die Person mit dem Kind? Je mehr sie mit dem Kind zusammen ist, desto wichtiger ist es, die Diagnose mitzuteilen.
  • Ist die Person überhaupt interessiert an Informationen zu ADHS, z.B. in einem Gespräch oder über ein Buch?

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